Charlie Russell

Ich werde mich immer an den Anruf erinnern, den ich eines Abends Ende September 2003 von Charlie Russell erhalten habe. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns bereits seit einigen Jahren, so dass ein Telefongespräch nicht ungewöhnlich oder unerwartet war. Der Grund warum ich mich mehr an diesen, als an viele andere Phone-Chats erinnern werde, ist, dass Charlie mich irgendwann während dieses Anrufs gefragt hat, ob ich ihn im nächsten Sommer bei seinem Bärenprojekt an der Südspitze Kamchatka’s tatkräftig unterstützen möchte. Ich war geschockt! Der Gedanke, "warum ich?" schoss durch meinen Kopf und darauf folgte sogleich ein deutlich und begeistertes „JA“.

Im vorherigen Sommer 2003, während dem ich mehrere Monate an Bärenprojekten arbeitete, hatte ich mich soeben in dieses Naturparadies in dieser abgelegenen Ecke des russischen Fernen Ostens verliebt. Ich sah absolut keinen Grund warum ich diese einmalige Gelegenheit ablehnen müsste!

Zu der Zeit wusste ich nicht, dass wir in diesem Sommer fünf verwaiste Braunbärenjungen adoptieren und rehabilitieren würden. Ich würde also nicht nur einen ganzen Sommer mit Charlie Russell verbringen, dem Mann, der ähnlich wie Dian Fossey mit den Berggorillas, der Welt gezeigt hat, dass Bären zu oft missverstanden werden. Aber dass ich dies an einem Ort tun würde, der so ursprünglich war, dass die Pfade, auf denen wir uns bewegten, von Hunderten und Tausenden von Bärentatzen sogar in’s Gestein gestampft wurden, ähnelte eher einem Traum als der Wirklichkeit. Das Tüpfelchen auf dem i, war das grosse

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Privileg, über mehrere Monate hinweg jeden Tag fünf kleine Rowdy-Braunbären auf ihrem nächsten Lebensabschnitt zu begleiten und von ihnen lernen zu können. Ich war sehr dankbar, dass ich von Charlies’ langjähriger Erfahrung unter Bären eine Scheibe abschneiden durfte. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass unsere fünf kleinen Schützlinge in diesem Sommer meine wichtigsten Lehrmeister sein würden.

Die konstante Nähe zu ihnen erlaubte mir einen sehr seltenen Einblick wie Bären ihre Fähigkeiten anwenden.

Sky, Buck, Wilder, Geena und Sheena stammten aus zwei verschiedenen Würfen und wurden von Wilderern in Kamtschatka verwaist. Die meisten Bären fallen der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Opfer, in der vor allem die Gallenblase fälschlicherweise für viel Geld als Wundermittel zum Einsatz kommt.

Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits jahrelange Erfahrung unter Bären hatte, war es für mich schwer vorstellbar, wie genau wir von diesen kleinen verspielten Seelen, denen diese wunderbare zweite Chance auf ein Leben in der Wildnis gegeben wurde, akzeptiert würden.

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Wie und warum sollte uns ein kleines intelligentes Bärenjunges auf Spaziergängen durch die Wildnis folgen und mit uns wieder nach Hause zurückkehren, wenn es einfach weglaufen und frei sein könnte? 

Wie können wir ihnen beibringen, was eine echte Bärenmutter ihren Jungen in den ersten zwei oder drei Sommern beibringt?

Antworten auf diese und viele andere Fragen, die ich zu Beginn dieses Projekts hatte, findest Du im Buch „Ungezähmt“, das ich über meinen Sommer mit Charlie im Jahr 2004 geschrieben habe (leider nur auf Deutsch) und/oder in Dokumentarfilm „Die Suche nach Sky “von SRF (auch nur auf Deutsch, aber die Bilder sprechen für sich).

In the wilderness is the salvation of the world.

Henry David Thoreau